Interview

David Doyle über Innovation in der Luftfahrt

Die vierte industrielle Revolution stellt die Luftfahrt vor neue Herausforderungen. Laut David Doyle ist nicht nur der technologische Fortschritt für die Innovationskraft der Luftfahrtbranche entscheidend: Die Menschen stoßen als Ideen-Geber neue Entwicklungen an, Mitarbeiter müssen von neuen Arbeitsprozessen überzeugt werden, Kunden entscheiden über den Erfolg innovativer Produkte.

Wir sprechen heute über Innovation - was bedeutet Innovation für Sie?
Innovation haben wir bei uns folgendermaßen definiert: Innovation fasst alle Break Through Entwicklungen zusammen, die uns einen Vorteil bringen. Dieser Vorteil kann entweder auf der Kostenseite liegen, oder Differenzierung vom Wettbewerb ermöglichen.

Die Luftfahrt gilt als innovative Branche – woher kommt diese Kraft?
Ich würde sagen, dass unsere Branche nicht innovativ genug ist. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens ist unsere Industrie sehr konservativ, das muss sie auch sein, um unser Kernziel, die Sicherheit zu gewährleisten. Zweitens sind unsere Aircraft Lifecycles sehr langwierig. 

Werfen wir ein Blick auf die jüngere Vergangenheit sehen wir folgendes: Die Innovationen der letzten Jahre haben die Luftfahrt noch sicherer gemacht - in 2017 gab es praktisch keine Unfälle. Das ist ein echter Break Through! Auch die Hygienefaktoren für eine Airline, wie Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit sind jetzt auf einem Level, dass es den Fluggesellschaften sehr schwer macht, sich über diese Faktoren zu differenzieren.

Auch aus diesem hohen erreichten Standard wächst eine Kultur, auch in anderen Bereichen der Luftfahrt, immer besser sein zu wollen. Es gibt immer Potential. Wir bei Lufthansa Technik entdecken neue Wege, unser Unternehmen und unsere Kunden durch bessere neue Produkte und Prozesse vom Wettbewerb zu differenzieren.

Welche Entwicklungen werden die Luftfahrt in den nächsten Jahren maßgeblich verändern?
Es gibt zwei riesige Änderungen, die auf uns zukommen. Auf Seiten der Passagiere wird sich der Buchungsprozess ändern und auf Seiten der Industrie ermöglicht die steigende Kapazität von Data Analytics Predictive Maintenance.

Betrachten wir das Ticketing. Vor 25 Jahren hat Michael O'Leary die Luftfahrt in Europa durch sein Geschäftsmodell für Ryanair maßgeblich verändert. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem die nächste große Transformation ansteht. Heute suchen Passagiere nach einem Flug - in der Zukunft werden sie ihre Nachfrage platzieren. Airlines müssen dann wesentlich flexibler sein, um in Planung und Angebot der Kapazitäten der Nachfrage folgen.

Für uns als MRO wird Predictive Maintenance in Zukunft besonders wichtig. Die steigende Kapazität von Data Analytics gibt uns immer bessere Ideen davon, wie Flugzeuge performen und wie wir die Wartung planen können. Um Predictive Maintenance zu etablieren, brauchen wir nicht nur die Technik, sondern auch das Vertrauen der Industrie. Nur so können wir die Optimum Lifetime jedes einzelnen Bauteils erreichen, Momentan liegt dieses Wissen noch im Dunkeln.

Wie richten Sie bei Lufthansa Technik Ihr Unternehmen auf diese Veränderungen aus?
Bei Lufthansa Technik wollen wir bei Predictive Maintenance ganz vorne sein. Wir arbeiten seit längerer Zeit an Condition Monitoring und Predictive Maintenance Algorithmen und bringen diese jetzt mit der AVIATAR Plattform in den Markt.

Im Hinblick auf die anstehenden Veränderungen im Airline Planungsprozess müssen auch wir MROs unsere Prozesse anpassen. Wenn die Airlines ihr Angebot flexibel planen, muss auch unser Angebot flexibler sein, um Kapazitäten und Nachfrage sehr kurzfristig zu matchen. Konkret heißt das auch, dass wir unseren Maintenance Service modularer und mobiler an mehreren Standorten anbieten werden. Hier spielen digitale Lösungen eine starke Rolle.

Wie fördern Sie Innovation bei Lufthansa Technik?
Die Innovationskultur bei Lufthansa Technik ist unglaublich. Die Mitarbeiter fragen sich, was sie ändern und optimieren können! Um so eine Kultur in einem Unternehmen aufzubauen, braucht es klare Strukturen, die die Mitarbeiter zur Partizipation animiert. Bei uns verfügt jede Business Unit über lokale Innovationsteams, die sich kurzfristiger Projekte annehmen. Das zentrale Innovationsteam kümmert sich um firmenübergreifende und langfristige Projekte. Gemeinsam gestalten wir den Innovationserfolg unseres Unternehmens.

Besonders wichtig ist auch die Transparenz des Ideenmanagements. Wir wollen, dass jeder Mitarbeiter den Weg kennt, auf dem er seine Idee einbringen kann. Wir setzen auf einen schnellen Prozess von der Idee, über den ersten Pitch in der Innovation Community bis hin zur Projektgenehmigung.

Das vollautomatisches Inspektionsverfahren "AutoInspect" für Triebwerksbauteile wurde industrialisiert. Was sind die größten Herausforderungen bei einem solchen Projekt?
Solche Projekte zeigen, dass Technologie allein nicht reicht. Man muss auch die Menschen mit auf diese Reise nehmen. Überzeugungsarbeit innerhalb und außerhalb des Projektteams ist sehr wichtig.

Für Automatisierungsprojekte ist die Überzeugungsarbeit besonders entscheidend. Die Menschen müssen sich noch an den Gedanken gewöhnen, in Zukunft Hand in Hand mit Maschinen zu arbeiten.

Auch bei „AutoInspect“ mussten wir uns fragen, wie wir jeden – vom Mechaniker bis zum Senior Management – von der Automatisierung überzeugen können. Bei uns arbeiten die Projektteams und spezialisierte Mitarbeiter gemeinsam am Change Management, denn damit haben wir die besten Erfahrungen gemacht.

Warum unterstützt die Lufthansa Technik den Innovationspreis der Deutschen Luftfahrt?
Wir glauben an die Innovation Community der Luftfahrt und wir glauben an den Standort Deutschland als Impulsgeber und Change Driver für unsere Industrie. Der Innovationspreis der Deutschen Luftfahrt stellt die Innovationskraft der nationalen Luftfahrtindustrie in den Mittelpunkt und schafft Aufmerksamkeit für die Deutschen Marken in der Branche.

Beim IDL kommen Unternehmen, Verbände und Politik zusammen – wie wichtig ist die Zusammenarbeit für Innovation in der Branche?
Sehr wichtig. Die Luftfahrt ist eine der fragmentiertesten Branchen, ist sehr stark reguliert und von zahlreichen Mitspielern abhängig. Niemand allein hat in diesem Netzwerk genug Spielraum, um echte Innovation allein zu treiben. Deshalb entstehen die besten Innovationen oft aus Partnerschaften. Dabei sind die Luftfahrt-Verbände und Einrichtungen wie das ZAL in Hamburg eine große Unterstützung, denn Sie ermöglichen unternehmensübergreifende Kommunikation und eine gemeinsame Innovationskultur.  

Die Sonderkategorie des IDL 2018 ist „Cross Innovation“ – wie profitiert die Luftfahrt von Innovationen mit branchenübergreifendem Potential?
Wenn Innovationen branchenübergreifendes Potenzial mitbringen, sollte das auch genutzt werden! Die aktuellen Entwicklungen in der Luftfahrt sind auch durch branchenfremde Neuerungen getrieben, Beispiele hierfür sind Internet of Things, Artificial Intelligence, Blockchain und die additive Fertigung. Wir sehen also, ein Blick über den eigenen Tellerrand kann sich durchaus lohnen!

 

David Doyle ist seit Anfang des Jahres Vice President Business Development, Innovation Management & Product Development bei Lufthansa Technik.

 

Das Interview führte Lea Martens