Interview

Martin Beecken über ToolNOW und die Sharing Economy im B2B-Bereich

Im November 2016 startete der Bereich Flugzeugüberholung der Lufthansa Technik AG einen bis dahin neuartigen Ansatz: Alle Mitarbeiter wurden in einer sogenannten „AppChallenge“ eingeladen neue, digitale Produktideen für einen effizienteren Flug- und Wartungsbetrieb einzureichen. Aus dieser Challenge wurde im Dezember desselben Jahres die Idee zur Plattform ToolNOW geboren. Von der ersten Sekunde an wurde die fachliche Entwicklung von ToolNOW eng mit den späteren Kunden und Nutzern abgestimmt. Bis heute ist jeder Schritt bei der Plattformentwicklung vollständig mit den Kunden erprobt. Somit ist sichergestellt, dass der größtmögliche Kundennutzen erreicht wird.

Das Ziel der Plattform ist es Airlines und Maintenance, Repair & Overhaul (MRO) Anbietern zu ermöglichen, ihre verfügbaren, teuren und selten genutzten Werkzeuge zu verleihen und somit neue Umsatzquellen zu erschließen. Gleichzeitig hilft ToolNOW den gleichen Kunden, kurzfristige Werkzeugbedarfe schnell und zu fairen Kosten zu bedienen.

Nach einer Validierungsphase bis März 2017 wurde das Minimum Viable Product (MVP) von ToolNOW im Vorgehen des agilen Projektmanagements bis Dezember 2017 entwickelt. Nach einer 3-monatigen Testphase mit ausgewählten internen und externen Kunden war die Resonanz so überwältigend, dass ToolNOW sieben Wochen früher als geplant am 12. März 2018 offiziell an den Markt ging.

Die Registrierung für die Plattform ist kostenlos und erfolgt über die ToolNOW Homepage.

ToolNOW ist auch über AVIATAR, die einzige unabhängige und offene digitale Plattform für die Luftfahrtindustrie, erreichbar, die eine breite Palette digitaler Produkte und Dienstleistungen für die Luftfahrtindustrie anbietet. Die AVIATAR Cloud-basierte Infrastruktur gewährleistet höchste Sicherheit für die Kundendaten gemäß den europäischen Datenschutzanforderungen, insbesondere für personenbezogene Daten.

Im Jahr 2017 nutzten bereits 39% der Deutschen die Sharing Economy –  wie ist der Stand im B2B-Bereich?
Nach unserem Erleben ist dieser Anteil im B2B-Bereich deutlich geringer. Doch gerade in der Luftfahrt ist die Sharing Economy bereits in einigen Bereichen fest etabliert. Beispiele hierfür sind das Codesharing bei Airlines und der International Airlines Technical Pool, in dem sich Fluggesellschaften und Technik-Betriebe zusammenschließen, um sich auf den Außenstationen zu unterstützen. Auch im Loan-Bereich besteht seit etwa 15 Jahren eine Kultur des gegenseitigen Helfens und Unternehmen teilen vorhandene Assets.

Welche Hürden existieren im B2B-Bereich, die es im B2C- bzw. P2P-Bereich nicht zu überwinden gilt
Im B2B-Bereich stehen an Stelle von einer Privatperson komplexe Organisationen. Der Endnutzer ist also nicht unbedingt auch der Entscheider und muss die Freigabe durch die finanziell Verantwortlichen erwirken.

Ein weiteres Hindernis liegt auf Seiten der Technologie: Beispielsweise existieren verschiedene ERP-Systeme, die nicht untereinander kommunizieren können. Ein unternehmensübergreifend einsetzbares Produkt muss diese Komplexität überwinden.

Wie können diese Hürden überwunden werden – inwieweit sind Unternehmen, Mitarbeiter und Politik gefragt?
Es ist schwierig etwas Existierendes in ein digitales Produkt zu verwandeln. Hierbei ist das Timing erfolgsentscheidend: Wir Unternehmen müssen die Welle der Euphorie mitnehmen und alte Gedankenstrukturen aufbrechen. Insbesondere im Bereich Innovation und Digitalisierung werden nicht mehr die typischen Mitarbeiter gesucht – gefragt sind kreative Köpfe, die mit Begeisterung ans Werk gehen und lernwillig sind. Die Ausbildung tritt dabei an zweite Stelle.

Ich denke, dass die Mitarbeiter selbst flexibler werden müssen – in Bezug auf Ihre Arbeitszeit und auf die wachsende Themenvielfalt. Das Silo-Denken wird schon bald der Vergangenheit angehören und die Arbeitswelt dem einzelnen Mitarbeiter breitere Erfahrungen ermöglichen.

Auch die Politik ist gefragt. Das Thema Digitalisierung bringt einen nie zuvor da gewesenen Wandel in unsere Industrien. Um mit diesem Wandel Schritt zu halten ist es essentiell, dass die Arbeitnehmer(innen) und Nutzer auf dieses Thema vorbereitet werden. Von jung bis alt müssen Möglichkeiten der Weiterentwicklung geschaffen werden. Dies kann sich in der IT-Infrastruktur von Schulen oder dem Angebot von Weiterbildungsmaßnahmen wiederspiegeln.

Welche Faktoren sehen Sie als ausschlaggebend für die Entscheidung von Unternehmen, als Anbieter und/oder Nachfrager in der Sharing Economy aufzutreten?
Auf menschlicher Ebene ist der Dialog mit dem Nutzer und dem Entscheider ausschlaggebend. Für mich sind dabei die Nutzer die Schlüsselpersonen. Ihnen zeigen wir, welchen Mehrwert unser Produkt für die tägliche Arbeit bietet. Die Vorgesetzten überzeugen wir da erfahrungsgemäß eher durch die Kostenvorteile digitaler Produkte.

Aus technologischer Sicht ist die entscheidende Frage für Unternehmen, ob das Produkt, dass sie in der Sharing Economy unterstützen soll, auch in ihrer Software-Welt funktioniert. Wir müssen also Anwendungen entwickeln, die losgelöst von kundenspezifischen Anwendungen universell einsetzbar sind.

Ökonomisch betrachtet überzeugt das Kostensenkungspotenzial. Denn die Sharing Economy ermöglicht eine Senkung der Kapitalbindung durch weniger eigene Assets.  

Und wenn wir im großen Denken: Je mehr sich das gesamte Weltnetzwerk in der Sharing Economy engagiert, desto mehr wird sich das senkend auf die Preise auswirken.

Welche Faktoren sprechen aus Ihrer Erfahrung für Unternehmen gegen ein Engagement in der Sharing Economy?
Ich sehe die Unsicherheit aktuell als das größte Hemmnis. Noch ist die Sharing Economy nicht in der Mitte der Industrie angekommen und es ist nicht einfach, Unternehmen als Vorreiter zu gewinnen. Außerdem existiert auch ein gewisser Protektionismus in der streng regulierten Luftfahrtindustrie. Bei den eigenen Tools weiß ein Unternehmen, dass diese die entsprechenden Standards erfüllen. Bei Leihgaben besteht bei so manchem noch die Angst, dass das nicht der Fall ist. Hier kann durch standardisierte Sharing-Dienste Abhilfe geschaffen werden.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der B2B Sharing Economy ein?
Wie Sie sagten nutzen 39% der Deutschen die Sharing Economy im Privatleben. Im B2B-Bereich schätze ich das Potenzial noch größer ein. Besonders die neue Generation, die mit der Sharing Economy aufgewachsen ist, bringt neue Impulse in die Industrie und beschleunigt das Wachstum.

Kurz gesagt: Wir stehen am Anfang und verändern eine gesamte Industrie.

 

Martin Beecken ist seit 2016 mit ToolNOW Corporate Entrepreneur bei Lufthansa Technik.
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Das Interview führte Lea Martens