Gastbeitrag

Die Luft- und Raumfahrt ist reif für tiefgreifende Veränderungen

Die ILA Berlin Air Show war auch in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg: Der Dialog mit Unternehmen, Entrepreneuren, Startups und Risikokapitalgebern eröffnete faszinierende Einblicke in die Zukunft der Luft- und Raumfahrtbranche. In den Gesprächen kommen immer wieder dieselben Fragen auf:

  • Wie wird die Luft- und Raumfahrt der Zukunft aussehen?
  • Wer oder was werden die Impulsgeber oder Disruptoren sein und woher kommen sie?
  • Wie können wir die notwendige Transformation unserer Unternehmen bewerkstelligen?

 

Nachdem ich bei der ILA 2018 einige interessante Antworten auf diese Fragen erhalten habe, möchte ich die wichtigsten Erkenntnisse in den kommenden Wochen in drei Beiträgen zusammenfassen.

Der erste Beitrag geht von der Hypothese aus, dass technologische Innovationen wie elektrische Antriebssysteme, Digitalisierung und autonomes Fliegen das traditionelle Lufttransportwesen von Grund auf verändern werden.

Elektrische Antriebssysteme in der Luftfahrt
Immer mehr Flugzeugsysteme, darunter auch der Antrieb, werden auf elektrische Technologien umgestellt. Allein in den vergangenen Monaten wagten einige neue Akteure mit rein elektrischen Konzepten den Jungfernflug, darunter die Taxi-Drohne Ehang 184 und der Volocopter. Andere innovative Entwicklungen wie Kitty Hawk und Lilium oder der Airbus A³ sind mit Prototypen bereits in der Testphase. Tatsächlich zieht die Verknüpfung aus Elektroantrieb und Flugzeug neue Player geradezu magisch an: Laut einer Roland Berger-Analyse aus 2017, sind fast die Hälfte (46%) der 70 Programme für die Entwicklung von elektronisch angetriebenen Flugzeugen bei Startups oder unabhängigen Konstrukteuren angesiedelt. Nur bei 18 Prozent der Projekte war einer der großen Luftfahrtkonzerne beteiligt und viele bekannte Zulieferer waren ebenfalls nur am Rande eingebunden. Angesichts unserer ständig wachsenden Projektdatenbank bin ich sicher, dass die nächste Studie zum Thema Elektromobilität der dritten Dimension viele unserer Leser überraschen wird!

All das sollte natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Elektrozeitalter in der Luftfahrt eben erst begonnen hat und noch zahlreiche Hürden zu überwinden sind. Eine davon ist der Markt. Da der rein elektrische Antrieb bisher nur für Flüge mit privaten Kleinflugzeugen funktioniert, beschränkt sich die Nachfrage zwangsläufig auf einen Nischenmarkt für die Top ein Prozent der Verdiener. Auch die Technologie selbst birgt noch Probleme. Damit der elektrische und hybridelektrische Antrieb eine breite Anwendung im Flugzeugbau finden kann, müssen die Batterien eine wesentlich höhere Energiespeicherdichte aufweisen. Darüber hinaus müssen die zugehörigen Motoren leicht, sowie leistungsstark und zuverlässig sein. Flugzeughersteller müssen hierfür komplett neue Konzepte erarbeiten wie beispielsweise verteilte Antriebe oder Multicopter.

Ungeachtet dessen geht die Entwicklung aber in die richtige Richtung. Ermutigt durch neueste technologische Fortschritte erwarten viele Marktteilnehmer nun eine rein elektrische Zukunft der Luftfahrt. 2018 verkündete Norwegens staatlicher Flughafenbetreiber Avinor, bis 2040 die erste vollelektrische Fluggesellschaft der Welt zu werden.

Urbane Mobilität: von der Straße in die Luft
Weltweit suchen Metropolen nach neuen Wegen, um ihre Infrastruktur zu entlasten und Raum für weiteres Verkehrswachstum zu schaffen. Luft-Mobilität bietet sich hier als realistische Alternative an. Dass die neue Mobilitätsdimension auch geschäftlich Sinn macht, belegt das Whitepaper zu Uber Elevate oder die Erprobung des Voom-Flugtaxis von Airbus in São Paulo.

Tatsächlich weist die Uber-Analyse nach, dass sich die direkten Kosten pro Flugmeile [1 Meile entspricht 1,6 Kilometer] bei einem langfristigen autonomen Fluggeschäft auf 50 US-Cent pro Meile belaufen. Dies entspricht circa 35 US-Cent, die auf der Straße zurückgelegt werden. Der Preis für einen 15-minütigen VTOL-Flug (Senkrechtstart und -landung) über eine Strecke von 45 Meilen, was einer PKW-Fahrt von 60 Meilen gleichkommt, könnte dann bei nur 21 US-Dollar liegen. Das Uber-Szenario erregte viel Aufsehen und sorgte dafür, dass zahlreiche neue Akteure auf den Markt drängen. In Städten wie Dubai fiel bereits der Startschuss für Pilotversuche. Experten gehen davon aus, dass die ersten Projekte, wie der elektrische Senkrechtstarter CityAirbus, Anfang der 2020er Jahre kommerziell nutzbar sein werden. Konkrete Geschäftsmodelle müssen noch entwickelt werden, aber wir gehen davon aus, dass die intermodalen Mobilitätskonzepte als Sieger hervorgehen werden. Fluggäste werden dann eine Strecke von A nach B in ein und derselben Kabine bzw. Kapsel zurücklegen und dabei nahtlos von der Schiene in die Luft und zurück auf die Straße wechseln. Diese Vision war auch beim diesjährigen Genfer Autosalon zu besichtigen, wo Audi, Italdesign und Airbus mit Pop.Up Next ein vollständig elektrisches, vollautomatisiertes Konzept für die horizontale und vertikale Mobilität vorgestellt haben.

Bei der anvisierten dritten Dimension der Mobilität verwischen die Grenzen zwischen den einzelnen Verkehrsarten, da unterwegs lediglich die Antriebsmodule der Passagierkabinen ausgetauscht werden. Auch bei den Konzepten für urbane Mobilität in der Luft herrscht noch keine Klarheit. Aktuell werden sie von Luftfahrt-OEMs, Automotive-OEMs und unabhängigen Startups entwickelt. Wer hier führend sein wird, ist bisher nicht erkennbar.

Kapitalinvestitionen
Der letztjährige Starburst-Investitionstrend zeigt, dass die Investitionen in der Luft- und Raumfahrtindustrie vor 2013 ähnlich waren wie in anderen vergleichbaren Branchen. Durch die beeindruckenden technologischen Entwicklungen der letzten Jahre hat sich dies jedoch verändert. Der Erfolg bahnbrechender Raumfahrtprojekte in den vergangenen fünf Jahren erzeugte einen Multiplikator Effekt, von dem die gesamte Branche profitiert. Investitionen in neue Technologien und Firmen schossen regelrecht in die Höhe.

Dabei galten Investitionen in die Luft- und Raumfahrt noch vor wenigen Jahren als Spielzeug für reiche Männer. Mit der Veröffentlichung von Analysen wie dem oben erwähnten Uber-Bericht hat ein breiteres Publikum die Geschäftsmöglichkeiten erkannt und festgestellt, dass es sich nicht nur um ein Nischenprodukt handelt, sondern um die Fahrzeuge der Zukunft. Wer aus diesem Rennen als Sieger hervorgeht, kann nicht "nur" Millionen, sondern Milliarden verdienen. Nicht umsonst pumpen Investoren seit kurzem Hunderte von Millionen US-Dollar in den Markt. Regierungsstellen, Innovationslabors und Privatunternehmen wagen neue Formen der Kooperation und investieren in neu gegründete Startups, um sicherzustellen, dass die nächste große Innovation in ihrem Markt entwickelt wird.

Besonders anschaulich zeigt sich dies im Engagement der Automobilkonzerne für urbane Flugtaxi-Konzepte. Die enorme Dynamik der aktuellen Marktentwicklung beweisen folgende Zahlen: Daimler investiert 30 Mio. USD in den Volocopter, Geely/Volvo kauft für 89 Mio. USD das Flugauto-Startup Terrafugia, Tencent Ventures beteiligt sich mit 90 Mio. USD an Lilium, Boeing investiert eine nicht näher genannte Summe in Aurora, und Intel Capital gibt gemeinsam mit Toyota 100 Mio. USD für Jobi aus. All dies macht deutlich: Der Kampf um die Vorherrschaft auf der "letzten Meile" hat begonnen. Er wird erbittert geführt, denn sowohl die Luftfahrt- als auch die Automobil-Branche beanspruchen das Revier für sich.

Rechtliche Rahmenbedingungen
Wie schnell und radikal die Disruption der Luftfahrt vorangetrieben wird, ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Ein wichtiger Aspekt wird das Tempo sein, mit dem die Politik Regulierungen, z. B. zu Umweltaspekten, erlässt oder sich für neue Technologien aufgeschlossen zeigt.

Moderne Luftfahrt-Drehkreuze leiden unter chronischer Überlastung und zunehmenden Einschränkungen durch Lärmschutz- und Emissionsvorschriften. Parallel zum Anstieg der Flugverkehrszahlen erhöhte sich auch der CO2-Ausstoß zwischen 1990 und 2014 um 80 Prozent. Für 2014 bis 2035 wird eine weitere Zunahme um 45 Prozent prognostiziert. Laut dem European Aviation Environmental Report werden 2035 rund 20 europäische Großflughäfen signifikant überlastet sein, mit entsprechend negativen Auswirkungen für Mensch und Umwelt. Verhindern ließe sich dies nur durch drastische Gegenmaßnahmen. Als präventive Maßnahme verabschiedete der Rat der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) 2017 verbindliche CO2-Emissionsrichtlinien für neue Flugzeuge, die den Druck auf die Hersteller weiter erhöhen.

Deshalb sind neue Infrastrukturen erforderlich und Regulierungsbehörden haben erkannt, dass sie die Vorschriften anpassen müssen. So zeigen sich die US Federal Aviation Authority (FAA) und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) durchaus bereit, die Türen für elektrische Antriebssysteme und urbane Mobilität in der Luft ein Stück weit zu öffnen. Die zügige Planung und Entwicklung gesetzlicher Rahmenbedingungen, mit denen die innovativen urbanen Aircraft-Konzepte (mit oder ohne Pilot) sowie die zugehörige Infrastruktur, wie z. B. das Luftverkehrsmanagement, geregelt werden, bleiben eine zentrale Herausforderung.

In der Zwischenzeit liefern sich Startups ein erbittertes Rennen um die Pole Position für ihren Markteintritt und die Realisierung ihrer Lösungen. Sie suchen gezielt nach einem Umfeld, das ihnen nicht zu viele regulatorische Steine in den Weg legt – eine Suche, bei der Volocopter in Dubai oder Kitty Hawk in Neuseeland fündig wurden. Letzteres könnte ein interessanter Präzedenzfall dafür werden, wie sich kleinere Behörden vor Ort an der Entwicklung gemeinsamer Lösungen beteiligen und der FAA oder der EASA praktische Eignungsnachweise vorlegen können.

Fazit
Angesichts dieser Ergebnisse wird eindeutig klar, dass die Technologie und das Kapital vorhanden sind, um eine neue Ära der Luftfahrt einzuläuten. Lediglich die allgemeinen Rahmenbedingungen für neue Geschäftsmodelle lassen derzeit noch zu wünschen übrig. Allerdings haben die politischen Entscheidungsträger bereits erkannt, dass hier Nachholbedarf besteht, wie die ICAO oder die ersten Schritte der FAA und EASA zeigen. Sobald diese Lücke geschlossen ist, könnten erprobte Konzepte wie die urbane Mobilität in der Luft und elektrische Antriebssysteme schnell auf Business- und Kurzstreckenflüge übertragen werden und sogar etablierte Player der kommerziellen Luftfahrt herausfordern. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die gesamte Branche von der Disruption erfasst wird.

Meine zweite Hypothese wird sich mit dem Potenzial der neuen Marktteilnehmer beschäftigen: Werden sie in der Lage sein, bestehende Branchen und Märkte aus den Angeln zu heben?

Den englischen Original-Artikel und die folgenden Beiträge der Reihe finden Sie hier auf LinkedIn.

 

Manfred Hader, Senior Partner bei Roland Berger